Everyday I’m Çapuling – ein Bericht aus Istanbul

Tach zusammen,

Dies ist mein erster Blog überhaupt, trotzdem recht lang geworden… Hoffe Ihr habt die Geduld, es bis zum Ende durchzulesen. Ich war im Gezi-Park, als die Proteste am Abend des 13.7.13 eskalierten und habe auch viel mit Einheimischen gesprochen, um mir ein genaues und vor allem ungefiltertes Bild davon zu machen, was hier eigentlich los ist.

ich bin vergangenen Freitag Abend nach Istanbul geflogen. Nach einem Wilkommensbier, eisgekühltem Jägermeister und kubanischen Zigarren (Romeo y Julieta) am Abend bin ich mit meinem Gastgeber am Samstag zum Gezi-Park gefahren. Es war schön, den legendären Park mal sehen zu können. Die Menschen faulenzten im Schatten der Bäume, kleine Mädchen spielten Gummitwist, kleine Jungs planschten im Brunnen, Studenten verkauften Protest-Shirts und Guy Fawkes-Masken – die perfekte Idylle. Abgesehen von einem Stand, an dem Fotos der Opfer von Polizeigewalt – mögen sie in Frieden ruhen – ausgestellt waren erinnerte nichts an die Proteste der vergangenen Wochen. Nur an einer Ecke des Parks standen an die 50 Bullen in voller Montur in einem Block in Reih‘ und Glied, als ob sie auf etwas warten würden…

Wir verließen irgendwann den Park in Richtung der Istiklal-Einkaufsmeile, wo wir hinter einer Absperrung mehrere Bullen-Mannschaftsbusse gesehen haben. An der nächsten Kreuzung parkte schwer bewacht ein Wasserwerfer. Nur ein paar Schritte weiter sahen wir schon Demonstranten auf uns zukommen – es war ein langer Strom der nie enden wollte – gefühlt waren es deutlich, deutlich mehr als bei der Großdemo gegen Studiengebühren in Düsseldorf vor paar Jahren, wo wir auf 15.000 kamen. Sie skandierten „Gezi ist nur der Anfang“ und am Ende des Zuges waren wieder – Bullen… Diese hatten da bereits schon Gasmasken auf!!

Eigentlich wollte ich das Ganze beobachten, aber ich hatte nur Sandalen an und mein Begleiter sagte mir „Schau Dir die Bullen an! Heute ist nicht der Tag, um den Helden zu spielen“. Wir gingen dann was essen und hatten am Fensterplatz den Istiklal gut im Blick. Plötzlich sahen wir Menschen rennen, dann einen Wasserstrahl und dann schon den Wasserwerfer. Wir gingen in eine kleine Seitenstraße und setzten uns in eine Kneipe auf die Dachterasse im 5. Stock und tranken Bier, als wir ständig Explosionen hörten. Es klang wie Silvesterböller – richtig viele… unten in der Gasse liefen Demonstranten mit Tüchern vor dem Mund entlang… Was mich wirklich beeindruckte war, dass die Menschen in den umliegenden Kneipen alle den Demonstranten lautstark applaudiert haben. Einige Kellner brachten schnell Wasser und feuchte Tücher und auf einmal biß es mich richtig fest in der Nase – eindeutig Tränengas – wie schlimm mag es wohl sein wenn man direkt in der Wolke steht?

Mein Begleiter hielt es für eine gute Idee, langsam zu verschwinden, weil sicherlich noch was Schlimmeres passieren wird. Wir pumpten das Bier weg, gingen runter in die Gasse in Richtung Bushaltestellen… Wir konnten sehen daß unten wieder alles voller Bullen war. Dann gab es einen lauten Knall und auf einmal rannten alle von der Hauptstraße weg. Ich habe meinen Begleiter aus den Augen verloren und mir die Füße blutig gelaufen – Sandalen sind nun mal keine Heldenschuhe. An der nächsten größeren Kreuzung habe ich ihn irgendwann zum Glück doch noch wiedergefunden. Er kannte so ziemlich alle Schleichwege wo er mich sicher zu den Taxibussen geführt hat. Der Fahrer musste auch abenteuerliche Umwege nehmen um die Straßensperren zu umfahren. Zu Hause angekommen haben wir uns erstmal die Augen vom Tränengas ausgewaschen und bei einem Jägermeister und einer Kubanischen hat er mir so einiges darüber erzählt was hier los ist…

Mit den Bullen hier ist absolut nicht zu spaßen – dagegen ist Occupy Frankfurt ein Kindergeburtstag. In den Wasserwerfern ist irgendeine Chemikalie beigemischt die bei Hautkontakt zu Verbrennungen 2. Grades führt und wenn sie mit Tränengasgranaten schießen, zielen sie auf die Köpfe! Und sie schießen auch schon mal in voll besetzte Kneipen rein wenn sie Demonstranten oder Sympathisanten drinnen vermuten. Die wollen wirklich Blut sehen und 5 Tote hat es bereits gegeben!

Ich habe ein kleines Video auf Youtube hochgeladen. Leider deckt es nur einen ganz ganz kleinen Teil des Abends ab – wenn es brenzlig wurde dachte ich nicht ans Filmen sondern nur daran, meinen Arsch zu retten. Wer mehr sehen will, der gebe bitte bei Youtube die Suchbegriffe Taksim, Gezi oder Capulcu / Capuling ein, da liegt jede Menge. Ich entschuldige mich hiermit ausdrücklich dafür daß ich die Bullen im Video als feige Hunde bezeichnet habe – mit diesen Bastarden verglichen zu werden hat kein Hund dieser Welt verdient!

 

Nach zahlreichen Gesprächen mit Einheimischen habe ich nun ein genaueres Bild der Entwicklung und der kulturellen Hintergründe. Um es mal kurz zusammenzufassen:

Atatürk ist ein Nationalheld, der die Republik Türkei 1923 so gegründet hat wie sie ist – ein moderner, laizistischer Staat. Zunächst einmal sollte man wissen, daß es für einen Türken ein gewaltiger Affront ist, Atatürk und seinen Mitstreiter Inönü zu beleidigen. Atatürk war für ein islamisches Land in den 20ern irgendwo schon weise und vorausschauend als er sagte „Sollte die Wissenschaft mich jemals widerlegen dann folgt der Wissenschaft!“. Erdogan hingegen ist irgendwo ein religiöser Fundamentalist, der vor allem die weniger gebildeten Bevölkerungsschichten auf dem Land anspricht – religiöse Menschen lassen sich leichter manipulieren. Er baut den laizistischen Staat Stück für Stück zurück mit Alkoholverboten, massiven Steuererhöhungen für „unislamische Dinge“, was der besser gebildeten und weltoffenen Stadtbevölkerung überhaupt nicht schmeckt. Die Menschen haben Angst daß er das Land immer stärker islamisiert. Dazu ist er noch durch und durch korrupt und wollte den Gezi-Park, eine der letzten Grünflächen überhaupt in dieser gigantischen 14-Millionen-Stadt, platt machen und darauf illegal durch die Baufirma eines Cousins ein Einkaufszentrum bauen lassen. Als die Architektenvereinigung dagegen protestierte, hat er sie per Gesetz entmachtet. Daß er sich abfällig über Atatürk und Inönü geäußert hat („Ich lasse mir doch nicht von 2 Trinkern die Verfassung schreiben“) hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Es gab Massenproteste und er bezeichnete die Demonstranten daraufhin als Çapulcu (in etwa: Marodeure und Plünderer).

Young Capulco
Die Protestbewegung nahm diese Beschimpfung sehr ironisch auf und kokettiert damit

Aber ansonsten ist es ziemlich übel, was da gerade abgeht. Es finden Massenverhaftungen von Twitter-Usern statt, die wegen Gründung einer terroristischen Vereinigung angeklagt werden sollen. Erasmus-Studenten wurden verhaftet mit der Begründung, sie wären ausländische Agenten und Aufrührer. Bis auf einen kleinen Privatsender, der noch die Eier hat (und der wegen der Repressalien nur über eine 3G-Verbindung live von den Protesten berichten kann – Erdogan setzt momentan alles daran, diesen Sender zu schließen, Begründung: Ausstrahlung gewaltverherrlichender und zu Gewalt motivierender Bilder) schweigen die Medien das Thema tot. Einige Polizisten begingen schon Selbstmord weil sie es einfach nicht mehr aushalten, das tun zu müssen undundund…

Die Massenproteste laufen jetzt schon mehrere Wochen und vielleicht schau ich am Samstag nochmal vorbei, bevor ich wieder ins Flugzeug steige.

Von der Türkei und den Menschen in Istanbul bin ich jedenfalls gewaltig beeindruckt – dieser Spirit den man fast schon atmen kann, diese Solidarität und diese extrem gastfreundlichen, offenherzigen Menschen hier in dieser total aufregenden Stadt… So gastfreundliche Menschen habe ich noch nicht mal in Polen erlebt, und das heißt schon was! Ich wünsche der Bewegung alles Gute und jede Menge Kraft, um all dies durchzustehen!

Ich werde auf jeden Fall nach Istanbul wiederkommen, aber erst wenn dieser Drecksack weg ist!

 

Kleiner Nachtrag: In der Protestbewegung kursiert dieses Video (natürlich in der türkischen Fassung 😉 )

That’s the spirit!

2 Antworten auf „Everyday I’m Çapuling – ein Bericht aus Istanbul“

    1. Ich denke, die Formulierung ist der Situation geschuldet. Weiter unten schreibt er von Polizisten, die wohl Selbstmord begannen haben. Eine Unterscheidung gibt es also schon.

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